Von Lhamos, Onpos und schwarzer & weißer Magie

Ladakh ist zwar ein buddhistisches Land, doch wie auch in Tibet und anderen kulturell ähnlichen Regionen sind noch viele alte Traditionen erhalten, die schon vor Einzug des Buddhismus den spirituellen Alltag der Menschen bestimmt haben. Und vieles davon wurde von den buddhistischen „Missionaren“ übernommen und als fixer Bestandteil der Religion integriert. 

Von Daniela Luschin-Wangail

Der „Aberglaube“ spielt in ganz Ladakh noch immer eine große Rolle. Der Ausdruck selbst ist wenig passend, verniedlicht er doch und vermittelt den Eindruck, dass es ein Glaube ist, der nicht so ganz ernst zu nehmen ist. Für die Menschen in Ladakh aber ist es weitaus mehr. Und viele BesucherInnen aus dem Westen wurden vor Ort eines Besseren belehrt und mussten erkennen, dass sich doch nicht alles in wissenschaftlich begreifbaren Ordnungen abspielt (andere widerum sind hier unbelehrbar).

Eine beseelte Welt

Ladakh ist beseelt, dh die Berge, die Flüsse, die Felder sind nicht nur leblose Objekte in der Kulisse unseres Lebens – sie agieren mit den Menschen ihrer Umgebung und reagieren auf Aktionen der Menschen. Es sind genau genommen keine Berge sondern Berggötter, keine Flüsse sondern Flussgötter und Feldgottheiten, die machtvoll das Leben der Ladakhi mitbeeinflussen. Steht ein Ladakhi auf, dann besänftigt er zuallererst die ihn umgebenden Götter mit Räuchermischungen in denen der Wacholder eine große Rolle spielt. Sie bauen lokalen Gottheiten eigene Sitze und bringen Opfer dar, huldigen diese, bitten um Hilfe und entschuldigen sich, wenn sie meinen, Unrecht getan zu haben.

Manch einer mag so etwas belächeln … doch wie lächerlich ist das in einer Welt, in der Gottheiten allgegenwärtig und so nah sind? Viele Ladakhi schwören bei Leib und Seele auf diese oder jene Weise schon in direktem Kontakt mit einem übernatürlichen Wesen gewesen zu sein. Sie erzählen von Kindern, die von Geistern und Gottheiten besessen waren, von Flüchen und schwarzer Magie von denen sie selbst betroffen waren, und von Orakeln, die in ihr Innerstes geblickt haben.

Jedes Jahr werden Lhatos (Göttersitze) erneuert und die in ihnen wohnenden Götter gehuldigt

Jedes Jahr werden Lhatos (Göttersitze) erneuert und die in ihnen wohnenden Götter gehuldigt

Lhamos + Lhapas: Im Besitz von Gottheiten

Manche Menschen, meist sind es Frauen (Lhamo), manchmal auch Männer (Lhapa), sind besonders prädestiniert zur Kontaktaufnahme von Gottheiten. Sie stellen ihre Körper, ihre Stimme für einen gewissen Zeitraum einer Gottheit zur Verfügung, die im Rahmen von Seancen durch sie zu den Menschen sprechen. Oft sind es ganz einfache Bauernfrauen oder Hirten, manchmal aber auch Mönche, die diese spezielle Aufgabe meist in jungen Jahren zugeteilt bekommen – nicht ganz freiwillig, denn die jeweilige Gottheit sucht sich einfach ihr Opfer. Die Gottheit nimmt Besitz von ihnen – sie wirken nach aussen hin psychisch krank (im Westen erklärt man diese Phänomene dann mit Schizophrenie ;-)) und müssen erst lernen mit dieser neuen Rollen umzugehen. Wenn sie die „Lehrjahre“ bis zur Tätigkeit als Lhamo/Lhapa gemeistert haben, können sie sich bewusst in Trance versetzen (mit Hilfe von Mantren, Alkohol und Trommelschläge) und die Gottheit herbeirufen, die dann durch sie spricht – oft auch im alten Tibetisch, wofür man dann eigene Übersetzer benötigt. Menschen mit Problemen (Krankheiten, Schicksalschläge, Ängste usw.) wenden sich an Orakel und bitten die durch sie sprechenden Gottheiten um Rat und Hilfe. Und diese sind nicht immer großmütig und sanft, die können auch schon mal grob werden, bös mit den „Patienten“ schimpfen, ihnen eine Ohrfeige geben oder wild und beängstigend gestikulieren.

Eine Lhamo während einer Seance zum Neujahrs-Fest

Eine Lhamo während einer Seance zum Neujahrs-Fest

Humbug? Tja, davon muss man sich selbst ein Bild machen. Viele Ladakhi schwören, erst der Besuch bei einem Orakel habe ihnen bei dieser und jener Krankheit geholfen, erzählen von Flüchen, die erst durch die Bewältigung einer Aufgabenstellung der Lhamo/des Lhapa hat beseitigt werden können.

Auch leben in manchen Klostergemeinschaften Mönche, denen die Aufgabe eines Orakels zukommt. Selbst der Dalai Lama konsultiert in wichtigen Belangen ein eigenes Staatsorakel. Dem Auftritt von Orakeln kann man beispielsweise auf den Klosterfesten von Stok und Matho beiwohnen.

Der tibetische Buddhismus besitzt viele Elemente aus vorbuddhistischen, animistischen Traditionen

Der tibetische Buddhismus besitzt viele Elemente aus vorbuddhistischen, animistischen Traditionen

Onpos: Astrologen mit magischen Fähigkeiten

Mächtiger als die passiv agierenden Orakel (die eigentlichen Kräfte besitzen hier ja die Gottheiten) sind jedoch die Onpos. Onpos sind simpel gesehen Astrologen, doch sie können noch viel mehr. Sie können bei vollem Bewusstsein Kontakt mit Gottheiten aufnehmen und neben dem Blick in ihre „schlauen“ astrologischen Bücher sich auch der Kraft der Magie bedienen. Onpos sind gefürchtete Institutionen, denn man nachsagt, dass sie sich auch schwarzer Magie bedienen können. Besser also, wenn man sich erst gar nicht mit ihnen anlegt. Ein rechtschaffender Onpo würde dies zwar nicht tun und sich ausschließlich mit weißer Magie befassen, doch es gibt Onpos, die es da nicht ganz so genau nehmen und von verzweifelten Menschen aufgesucht werden, die um die Anwendung von schwarzer Magie bitten.

In ihrer Funktion als Astrologen werden sie bei der Planung von Hochzeiten und Bestattungen, für die Erstellung eines astrologischen Jahresplan (lo-tho, der über das kommende Wetter und darüber Auskunft gibt, welcher Tag für gewisse Dinge günstig sind usw.) und für die Erstellung von Horoskopen bei Geburten hinzugezogen.

Häufig wird diese besondere Gabe, die aber auch einer langjährigen Lehre und eines großen Erfahrungsschatzes bedarf, vom Vater an den Sohn weitergegeben.

Für die Menschen in Ladakh ist die Welt beseelt. In Feldern, Bergen, Seen und Flüssen leben Gotheiten. (c) Josef Reifenauer

Für die Menschen in Ladakh ist die Welt beseelt. In Feldern, Bergen, Seen und Flüssen leben Gottheiten. (c) Josef Reifenauer

Viele Menschen, die einmal in Ladakh waren und etwas mehr „Gespür“ haben, wissen auch, dass es da draußen mehr als nur das Wissen gibt, dass in unseren wissenschaftlichen Büchern der letzten Jahrhunderte behandelt wird (und das immer wieder widerlegt und neu aufgerollt wurde ;-)). Vielleicht liegt es daran, dass man in Ladakh dem Himmel so viel näher ist und die Gottheiten dort noch frei(er) walten dürfen. Vielleicht aber auch daran, dass man sich in einer fremden Umgebung leichter tut, sich Dingen, die bei uns im Mittelalter fast gänzlich ausgelöscht wurden, zu öffnen. Man muss nicht alles glauben, was für die Ladakhi so selbstverständlich ist, doch darf man das, worauf man selbst so sehr beharrt durchaus in Frage stellen.

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