Ulli Felber: Vier Omeletten, keine drei Betten

Irgendwo/Ladakh 2013

Wir hatten eine Mission: Spendengelder aus Österreich an Ort und Stelle zu bringen. Das war in diesem Fall eine bedürftige Familie in einem so kleinen, versteckten muslimischen Dorf, das es noch nie auf einer Karte Erwähnung fand. So genau wusste ich es das bis Dato allerdings nicht und das war auch besser so. Singay schon, der wollte dorthin und ich mit ihm. Ich freute mich auf ein Abenteuer und als schönen Nebeneffekt auf einen kleinen Urlaub im Urlaub. Singay, ich, eine Gitarre und kein Bier. Das lief nämlich nicht in einem muslimischen Dorf. Machte aber nichts, umso gemütlicher stellte ich mir unser Guesthouse und ein bisschen zuckersüßes Time-out vor.

Um neun Uhr am nächsten Tag wollte mich Singay abholen. Pünktlich um 11 kam er schließlich. Um 12 hatten wir vier neue Reifen und um 13 Uhr die Oma im Gepäck. Nochmal eine Stunde später saß ich im Kreise seiner ladakhischen Großfamilie, weit entfernt von wo wir eigentlich hin wollten. Die unzähligen Tanten von Singay erfreuten sich an meinem blonden Haaren und ich mich an ihren frisch gepflückten goldenen Marillen. Soweit lief alles ungeplant, aber gut. Irgendwann ging‘s dann los: Oma raus, gute Musik rein und ab durch den Himalaya. Die endlosen Weiten wurden allmählich immer enger und manchmal war es fast ein Wunder, dass unser kleines Auto durch die engen Schluchten passte. So schön die Landschaft auch war, eines war klar: Hier kommt keiner her, der nicht ohnehin hier geboren war oder etwas wirklich Wichtiges zu tun hatte. Meine Laune war bestens und voller Vorfreude erkundigte ich mich bei Singay, welches Guesthouse wir beziehen würden. „Guesthouse? There is no guesthouse, honey“, gelassen blies mein ladakhischer Freund den Zigarettenrauch durch seinen Buddhamund direkt in den Himalaya. Wie, kein Guesthouse? Ah, dann also Homestay, Urlaub am Bauernhof für Abenteurer. Umso besser. Dazu meinte Singay mit klassischen Gleichmut: „Jaja.“ Das sagen alle Ladakhis und es hört sich dann so an wie „Träum weiter“, „Na, klar doch“, „Wenn du meinst“ und je nach Intonation kann man dann auch noch den Grad der Ironie interpretieren. „Wie dann“, fragte ich. Na wir schlafen bei seiner Mutter, erklärte er. Naja, na gut. Der Dialog ging in etwa so weiter: „Deine Mutter hat also ein Haus? Nein, hat sie nicht. Eine Wohnung? So ungefähr. Ja was denn nun? Ein Zimmer. Ok. Wie, ein Zimmer? Ein Zimmer eben. Ist sie nicht da? Warum? Naja, ich meine, weil wir dort schlafen. Na und? Ja, aber wo ist dann deine Mutter? Im Zimmer. Und wir auch?“ Mein einsilbiger Kamerad nickte und übergab erneut eine Rauchwolke dem Fahrtwind. „Das heißt wir schlafen mit deiner Mutter in einem Zimmer?“ Nicken. So hatte ich mir die ganze Sache nicht vorgestellt. „Hat sie drei Betten?“ Seitenblick. Und ich genierte mich ein bisschen. Stille. Erneuter Versuch: „Können wir nicht irgendwo sonst schlafen?“ Singay brummte amüsiert: „You can ask someone.“ Also nicht. Na dann. Die Kunst eines entspannten Reisens ist, unvorhergesehene Dinge mit Gleichmut anzunehmen. Das ist angewandter Buddhismus. Ich nahm das Ganze also an oder zumindest hin. Und dann kam auch schon der Militärcheckpoint.

Die Soldaten lehnten phlegmatisch am Schlagbaum, viel tat sich dort Tag ein Tag aus nicht. Umso größer die Aufregung, als sie mich entdeckten. Ich musste raus aus dem Auto und mich vielen Fragen stellen, deren Sinn sich nur einem Soldaten erschließen kann, einem indischen. Das „Austria“ nicht „Australia“ ist, wollten sie mir auch nicht so recht glauben. Dann hieß es, ich könne hier nicht rein, da ich eine öffentliche Zulassung dafür brauche, wobei sie sich nicht ganz sicher waren, ob es die überhaupt gäbe, weil ein Tourist eigentlich noch nie hier war. So der Sachverhalt und die indische Logik. Irgendwann waren die Soldaten zu müde um noch weiter zu diskutieren und wir durften passieren. Meine Gedanken wanderten wieder zu Singays Mutter. Immerhin musste die ganz sicher sehr nett sein. Er war es schließlich auch und fast alle Ladakhis, die ich bisher kennengelernt hatte, ebenso. Endlich erreichten wir das Dorf im nirgendwo. Hier ging es gerade heiß her, da am nächsten Tag eine regionale Wahl anstand. Parolen wurden durch Mikrophone geschmettert, Menschen trugen Banner. Das Tamtam war größer als das kleine Dorf. Als wir ankamen, stoppte der ganze Trubel für einen Moment: Die Menschen starrten, ich staunte. Dann ging’s wieder weiter und schon öffnete Singays Mutter die Türe. Sie fiel ihrem Sohn überschwänglich um den Hals, für mich fiel nur ein kurzes Mundwinkel rauf, Mundwinkle runter ab. Mehr nicht. Der Abend begann vielversprechend und das kleine Zimmer bot nicht gerade viel Raum für schöne Träume. Die stolze Matrone setzte Tee auf und würdigte mich die nächsten zwei Stunden keines Blickes. Stattdessen erzählte sie ihrem Sohn offenkundig ganz wilde Geschichten. Ihre Augen funkelten, immer wieder flüsterte sie, senkte den Blick geheimnisvoll und setzte nicht nur einmal ein imaginäres Messer an ihre Kehle. Die Frau war mir ungeheuer unheimlich, wie überhaupt alles hier. Und die Aussicht mit dieser Hexe ein Bett zu teilen, machte das Ganze nicht besser. Die eiskalte Nacht stieg durch die zerbrochenen Fenster auf und in mir der Unmut. Ich wollte hier weg und zwar schnell. Jetzt musste eben meiner treuer Freund Gulzar herhalten und mich abholen. Das war zwar sehr vermessen, aber mir in dem Moment egal, ich griff nach meinem Handy. Empfang – Fehlanzeige. Das hätte ich mir denken können. Die Matrone musste meine Fluchtpläne erahnt haben. „Are you bored?“ fragte sie mich in perfektem Englisch. „Yes“, meinte ich säuerlich. Mundwinkel rauf, Mundwinkel runter. Das war’s für die nächsten zwanzig Minuten wieder. Dann gab es Dal. Und dann meinte die Matrone: „Now we got to sleep.“ Es war erst neun, aber das war eigentlich auch schon egal. Am liebsten wäre ich mitten durch das nächtliche, muslimische Dorf, vorbei an den grimmigen Hunden, ab durch die Schlucht verschwunden. Aber man will ja nicht unhöflich sein. Wie nun unsere Schlafgelegenheit arrangiert werden würde? Ich kalkulierte: Der Raum hatte vier Wände, eine davon war zur Gänze mit einem Regal verstellt. Bleiben drei Wände. Und wir waren zu dritt, sollte also klappen. Ich ging ins Bad und erledigte, was eben so möglich ist, in einem Raum mit Loch im Erdboden, schummrig von meinem alten Mobiltelefon erleuchtet. Als ich zurückkam, war das Bett gemacht: Zwei dicke Teppiche übereinander. In der Mitte Singay, rechts von ihm die Mama und links war noch etwas Platz für eine tapfere Ölsardine. Na dann, schöne Träume. Die Matrone schien mein Staunen zu genießen und legte, süffisant lächelnd, den Arm um ihren Sohn. Das war langsam wirklich wirklich spooky. Wo ich mich umziehen könne, fragte ich mit größtem Unbehagen. „Here“, die Matrone zeigte vor sich und nickte. Plötzlich konnte sie gar nicht mehr aufhören mit ihrem Zitronenlächeln. Und Singay? Der war – genau – ganz gleichmütig. Gut, dann bleibt der BH eben an. Ich schlurfte in den Schlafsack und überlegte kurz, auch meinen Arm um Singay zu legen und dabei provokant süffisant zu grinsen. Aber dann war die Öllampe aus und die Herrschaften schnarchten schon bald mit dem Wind um die Wette. Dann fiel auch ich in einen gnädig tiefen Schlaf.

Die angespannte Stimmung nahm am nächsten Tag eine unerwartete Wendung. Schuld daran war ein Ring, den Singay immer trug und den er mir beiläufig zusteckte. Eine geschickte Aktion. Denn als ich den Ring trug, wurde die unheimliche Matrone plötzlich zur freundlichen Mama. Sie servierte mir einen Tee und das ganz freundlich, ohne Zitronenlächeln. Dann machte sich an meine Toiletttasche um jedes einzelne Produkt mit Hingabe auszuprobieren. Na immerhin. Die Mutti war happy.

Schließlich machten wir uns auf zu der bedürftigen Familie. Ein Weg voller Umwege. Zuerst stoppte uns eine besonders ärmliche Familie, die aber nichts anderes wollte, als eine Fremde zu Gast zu haben. Das Haus war filmreif und die Familie großes Kino. Die Mutter, eine sehr alte Frau, war gerade mal dreißig und sehr hager. Ihre größte Tochter war sehr dick und die anderen Kinder vorerst nicht zu sehen. Die Oma erinnerte mich an die kiffende Raupe von „Alice im Wunderland“ und der Opa kiffe tatsächlich. Nach und nach schälte sich der Rest der Großfamilie aus den rußgeschwärzten Wänden der uralten Küche und Kinder aus den wallenden Gewändern ihrer Mütter. Wir bestaunten uns und es gab dicken Buttertee mit einer noch dickeren Omelette. Darauf muss man in Ladakh immer gefasst sein. Ich war schon ein wenig geeicht und nahm sogar den mir aufgedrängten Nachschlag an. Danach war ich mehr als satt und es ging weiter. Nächster Stopp, eine neue Familie, gleiches Spiel: Staunen, Buttertee, Omelett. Langsam war ich voll mit Ei und Eindrücken. Nur schnell weg, das Haus unseres eigentlichen Ziels war bereits in Sichtweite. Aber da wartete schon das nächste Omelette hinterhältig im Haus dazwischen. Und ein kräftiger Buttertee natürlich auch. Ich sah die mir dargebotenen Gaben und raunte Singay zu, dass ich mich bald übergeben müsse. Der meinte nur: „Jaja.“ Die Familie interpretierte mein heftiges aber freundliches Abwinken, als sehr große Höflichkeit meinerseits und sorgte für Nachschub, den ich geflissentlich ignorierte. Was mir im nun wirklich letzten Haus und eigentlichen Ziel blühte, konnte ich mir ausmalen. Und wenn ich nicht tatsächlich etwas Wichtiges zu tun gehabt hätte, hätte ich mich auf oder im schlimmsten Fall unter den nächsten Esel geworfen. Aber da stand die Family auch schon vor ihrem Haus. In meinem Bauch rumorte es und am liebsten wäre ich mal kurz abgebogen, ob ein bisschen zu kotzen. Keine Chance, die Familie empfang mich mit so viel Freude und Herzenswärme, dass ich gefangen war. Ich liebe dieses Volk, langsam aber sicher entwickelte ich allerdings einen gewaltigen Hass auf Omletten. Da lag sie vor mir, die vierte Portion des noch jungfräulichen Morgens und um mich herum freundlich nickende Menschen. Hilflos sah ich Singay an, der nur gutmütig zwinkerte. Ich holte tief Luft und machte mich ans Mahl. Wer mit einer unheimlichen Matrone und ihrem Prachtsohn zu dritt ein Bett teilen kann, der kann auch vier Omletten essen. Buddhismus, Lektion 1: Gleichmut. Done.

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