Rituale in Ladakh: Wo Appu und Appi das alte Jahr verabschieden

Appu Appi Ladakh

 Seit Jahrhunderten wird das ladakhische Neujahr – Losar – tagelang traditionell in den Dörfern gefeiert. Jedes Dorf hat seine eigenen gemeinschaftlichen Zeremonien. Im Winter lernt man Stoffmasken tragende Figuren wie Appu, Appi und Meme kennen, begegnet tanzenden Skyins, lacht über den Schabernack der Komödianten, bibbert mit den Burschen, die nackt in den eisigen Fluss springen und feuert bei den Reiterspielen an. In diese Minusgrade der Hochgebirgswüste Ladakh verirrt sich kaum ein Tourist. Wer es dennoch wagt, der kann das alte Jahr auf ganz besondere Weise verabschieden.

Von Nana Ziesche

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Appu, der Großvater, beim Eingangstanz. Foto: Nana Ziesche

Losar in Chushot

Alle Köpfe schwenken zum Eingang. Von dort kommen zwei fast nackte Gestalten gerannt. Sie tragen nur kurze Röckchen, Brokatkrause, wilde Haarmähne, Stoffmaske und sind mit schwarzen Zeichen auf der Haut beschmiert. Ungestüm laufen und springen sie, ihre Säbel schwenkend, zu den dröhnenden Trommeln und klarinettenartigen Blasinstrumenten auf der Tanzfläche umher. Das Publikum springt von einem Fuß auf den anderen um sich bei zweistelligen Minusgraden wenigstens ein bisschen warm zu halten. Es ist Anfang Januar und seit sechs Stunden gehen schon die Feierlichkeiten, die sich nun ihrem Höhepunkt nähern.

Chushot ist ein großes Dorf im oberen Industal in Ladakh auf 3.200 m Höhe. Hier wird gerade das ladakhische Losar gefeiert, das Neujahr. Es ist der 5. Tag und das Finale der Feierlichkeiten. Appu und Appi sind die Tage vorher durch alle Häuser der Gemeinde gezogen, haben getanzt, gesegnet, Getränke gereicht und darum gebeten, dass zukünftig Klatsch und Tratsch die Hausmauern nicht verlässt und auch von außen nicht hineinkommt. Appu und Appi sind die Alten, die wissen, was weise ist. Allerdings tragen sie auch unnötigen Ballast und schlechte Erinnerungen mit sich herum. Jedes Jahr schlüpfen zwei junge Männer aus verschiedenen Familien in die traditionellen Gewänder. Appu, der Opa, trägt einen dicken langen Schaffellmantel, eine Stoffmaske und wilde Yakhaarzottel auf dem Kopf. In der Hand hat er Pfeil und Bogen. Appi, die Oma, trägt ein gestreiftes Wollkleid, ein Rückentuch, ebenfalls eine Stoffmaske und einen schwarzen Hut. In der Hand trägt sie einen Teller mit einem Chapati, in der anderen einen Behälter mit Tsampa, geröstetem Gerstenmehl, und über der Schulter eine Umhängetasche.

Am frühen Mittag kamen sie mit den Musikanten die Hauptstraße heruntergelaufen. Die begleitende Kinderschar wurde immer größer. Am Haus angekommen wurden Appu und Appi vom Hausherrn mit einem traditionellen Changbehälter und Räucherwerk begrüßt. Appi stellte Teller und Tsampatopf dazu und die beiden Alten tanzten herum. Im Haus wiederholten sie den Tanz, dann ging es hin zum Festplatz. An kleinen Tischchen, Choktses genannt, sitzen Männer. Die Musikanten lassen sich am Rand nieder.

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Appi schenkt Tee aus. Foto: Nana Ziesche

Butter & Gerstenbier

In Chuchot haben Appu und Appi das Publikum mit einem Butterklecks auf die Stirn gesegnet, Buttertee und Chang, das traditionelle Gerstenbier, ausgeschenkt und Schals zusammengesammelt. Diese warfen sie dann den Männern zu, die im alten Jahr geheiratet hatten. Diese legten sich die Schals um die Schultern so, dass deren Enden in den Händen landen und eröffneten den traditionellen ladakhischen Tanz. Nach jeder Tanzeinheit gaben sie die Schals weiter und andere waren mit dem Tanz dran. Die dazu gesungenen Lieder und gespielten Rhythmen sind speziell für Losar.

Inzwischen war ein Mönch aus dem Kloster Hemis angekommen, der sich in der warmen Stube sofort an die Arbeit machte. Mit zu einem festen Teig gerührtem Tsampa rieben sich einige Leute über den Körper, um „das Schlechte“ in den Teig übergehen zu lassen. Der Mönch formte aus diesem Teig zwei ca. 30 cm große Figuren, einen Mann und eine Frau. Sie wurden sehr liebevoll gestaltet mit Wollhaaren, Perak, angemalten Kleidern usw. Danach fertigte der Mönch ein Dos an, d.h. ein Fadengebilde, in welches weiteres „Schlechtes“ eingebunden wird. Als alles fertig war, sprach der Mönch eine Puja, ein Gebet, wo er „das Schlechte“ darum bittet, zu verschwinden. Damit hatte er insgesamt mehrere Stunden zugebracht. „Dieses Ritual existiert seit ca. 200 Jahren“ erzählt der Mönch. „Ich habe es von meinem Vorgänger gelernt, werde es jetzt einige Jahre ausüben und dann an meinen Nachfolger weitergeben.“

Draußen auf dem Festplatz ist es voller geworden. Die Tänze und Gesänge sind in vollem Gang und auch das Mittagessen, in riesigen Töpfen seit dem Morgen gekocht, wurde verteilt. Die Tänze der Dorfleute wurden abgewechselt von Showeinlagen. Es kamen als tibetische Handelsleute gekleidete Männer, die einen Tanz vorführten, als Ehepaar verkleidete Männer mit einem Felllumpen als Ziege, die ein lustiges Schauspiel aufführten. Das Publikum schüttete sich aus vor Lachen. Zwei als Sikh-Soldaten verkleidete Männer, die ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellten, indem sie ein Ei auf einem Holzgerüst mit ihrem Säbel köpfen müssen ohne dass es hinunterfällt. Das gelang einem, der beklatscht wurde, der andere scheiterte und wurde liebevoll ausgelacht. Sie ereiferten sich in einem Showtanzkampf, welches Appu und Appi so begeisterte, dass diese es nachtun wollten. Allerdings erwischte Appi jedesmal doch die große Angst und statt Appu zu attackieren, sprang sie in dessen Arme. Das Publikum johlte. Den Soldatenauftritt gibt es seit 1834 als die Armee von General Zorawar Singh die Ladakhis besiegte und deren Unabhängigkeit damit beendete. Das Volk forderte die Besatzer damals auf, sich die Neujahrsfeierlichkeiten nicht nur anzuschauen, sondern auch etwas beizutragen. Ein weiterer Appu erschien und brachte einen Brief vom König. Er hatte auch Gebete dabei und Opfergaben für die bösen Geister. Diese wurden angefleht: „Bitte belästigt uns nicht! Verführt uns nicht, böse Dinge zu tun!“

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Mönch beim Gestalten der Figuren. Foto: Nana Ziesche

Halbnackte

Und dann, endlich, erscheinen die halbnackten Sadhus. Sie gebärden sich wie wild. Springen hierhin und dorthin und schütteln ihre wilden Mähnen. Appi hüpft schnell dazwischen und schaufelt aus ihrer Tasche Tsampamehl, mit dem sie eine Spur vom Haus fort zieht. Schnell rennt sie davon. Appu schnappt sich die beiden Figuren vom Mönch mit dem Fadenkreuz und zusammen mit den Saddhus und dem Publikum im Schlepptau folgen sie der Mehlspur. Und da, etwas außerhalb, steht auch schon die wartende Appi, die alles Böse vom Haus fortgelockt hat. Appu schießt seinen Pfeil mit dem Bösen weit fort und die Dorfleute rufen laut „Ki Ki Soso Lar Gyalo“ (Die Götter werden siegen). Dann gibt es ein wildes Drauflosdreschen auf die Figuren und das Fadenkreuz, Appu und Appi und auch die Saddhus ziehen ihre Verkleidung aus, werfen sie zornig auf den Haufen, schlagen auch darauf ein, bibbern kurz und werden von den Helfern in ihre schmucken Gonchas, dem traditionellen Wollgewand, gekleidet. Das schlechte Alte ist fort und hat dem frischen, schönen Jungen Platz gemacht. Das Publikum jubelt und begrüßt freudig das neue Jahr. Ein Helfer sucht noch schnell ein Stückchen Eis als Symbol für die Hoffnung, dass die Gletscher gutes Wasser spenden werden. Auch hat man die Mehlspur schnell wieder verwischt, damit das Schlechte den Weg zurück nicht mehr findet.

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Die kälteunempfindlichen halbnackten Sadhus. Foto: Nana Ziesche

Unter Jubelrufen gehen alle wieder zurück, wo in der Dämmerung inzwischen kleine Feuer entfacht wurden und die Musikanten wieder zum Tanz aufspielen. Allerdings hat die Kälte dem Publikum inzwischen so zugesetzt, dass sich die meisten schon wieder in ihre behaglichen Stuben verzogen haben.

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Die Sikh-Soldaten sind seit Ladakhs Verlust der Unabhänigkeit Bestandteil der Feierlichkeiten. Foto: Nana Ziesche

Nana Ziesche ist Reiseveranstalterin, Fotografin und Verlegerin. Die gebürtige Norddeutsche schreibt regelmäßig Reportagen über Ladakh und Indien. Seit den frühen 90er Jahren ist sie regelmäßige Besucherin Ladakhs mit meist mehrmonatigen Aufenthalten. 

 

 

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