Nyilza Stanzin Dolkar Tsering: Junge Frauen in Ladakh

Nyilza Stanzin Dolkar Tsering Lhamo Dolma Rinchen Diskit Yangdol Chuskit Rigzin Padma Chondol

Impressionen aus den Leben junger Frauen aus Ladakh & Zanskar (Artikel von Daniela Luschin-Wangail)

Chondol ist eine starke Frau, trägt Jeans und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Spricht mit lauter und selbstbewusster Stimme und mag es nicht, wenn sich ihre Familie zu sehr in ihre Angelegenheiten einmischt. Sie lacht viel, hat viele Freunde und ist glücklich. Bis ihr Sohn anruft, ihr sagt, wie sehr er sie vermisst und wie gern er doch bei ihr wäre. Dann wandelt sich ihr schönes Lächeln und es fällt ihr schwer nicht zu weinen. Er soll es nicht merken, wie sehr auch sie ihn vermisst. 12 Jahre zuvor: Chondol ist sechszehn, ein unbekümmertes, etwas schüchternes Mädchen, das gerne in die Schule geht, irgendwann mal das Landleben hinter sich lassen will und etwas in der großen Stadt, in Leh, werden will. „I want to be a great lady“, schreibt sie in einem Englisch-Aufsatz. Ihre Eltern und Verwandte haben andere Pläne. Sie soll heiraten, einen Jungen, der aus einer guten Familie kommt – eine gute Partie sozusagen. Niemand zwingt Chondol, aber man redet ihr gut zu, versucht sie zu überzeugen. Und sie willigt ein, glaubt ihrer Familie, dass es so das Beste für sie sei. Allzu sympathisch findet sie den Jungen nicht, aber das wird schon, sagt die Mutter, sagt die Tante, sagt der Bruder. Es wird nicht. Chondol mag ihn nicht. Nicht nach einem halben Jahr, nicht nach einem Jahr, nicht nachdem ihr Sohn geboren wird, und auch nicht später. Dass der Junge nicht sonderlich ambitioniert ist und auch gerne und viel trinkt, macht die Sache nicht einfacher. Irgendwann hat sie genug, packt ihre Sachen und geht, lässt Mann und auch Sohn zurück und beginnt eine Ausbildung in Leh. Sie arbeitet an ihren Träumen, die ihr mit sechszehn genommen wurden.

Chuskit streicht gerne über den frisch rasierten, kahlen Kopf. Sie mag es täglich in ihre rote Robe zu schlüpfen und sich nicht den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, worin sie besonders hübsch aussieht oder welchen Nagellack sie ausprobieren soll. Chuskit hat sich für ein Leben als Nonne, ohne Ehemann und Kinder entschieden.

Einige dachten schon, es würde nie passieren. Zu sehr war Dolkar in ihre Studien vertieft, den Nase stets in dicken Büchern. Vier Jahre in der Dorfschule, dann die Möglichkeit nach Leh in eine Privatschule zu gehen. Eine ältere Dame aus Frankreich findet sich als Sponsorin, denn ihre Familie hätte es sich nicht leisten können. Dolkar dankt es mit guten Noten, stets ist sie Klassenbeste. Der nächste Sprung: Zwei Jahre an einer Schule in Chandigarh. Und dann DIE Chance: Dolkar schafft es auf die Medizinische Universität in Delhi. Mit 28 Jahren promoviert sie, die erste mit Universitätsabschluss aus der Familie, ja aus dem Dorf – und dann noch Ärztin! Sie geht zurück nach Ladakh, arbeitet im Krankenhaus. Die Jahre vergehen. Die Familie fragt nach: Heiraten? Wann? Wie lange willst Du noch warten? Du wirst auch nicht jünger! Man schlägt ihr junge Männer vor. Dolkar lehnt ab. Und dann kommt einer, den findet sie auf den ersten Blick sympathisch. Zwei Jahre jünger als sie, guter Job in der Administration. Es war das schüchterne Lächeln, das sie gefangen hatte. Heute haben sie zwei Mädchen und sind glücklich.

Und dann ist da Nyilza Angmo, deren Bauch über die Vernunft siegte, die gegen den Willen ihrer Eltern ihre große Liebe heiratete, die leider nicht wie sie Buddhist war, sondern Muslim. Sie schwor dem Buddhismus ab und verlor damit ihre Familie.

 

So verschiedenen die Geschichten von Chondol, Chuskit, Dolkar und Nyilza auch sind, so gibt es dennoch ein paar Aspekte, die man verallgemeinernd über das Leben junger Frauen aus Ladakh & Zanskar sagen kann.

Das Studium (ob nun spirituellen oder weltlichen Inhalts) steht bei den meisten Mädchen weit oben auf der To-Do-Liste ihres Lebens. Selten habe ich Mädchen im Westen mit so viel Ehrgeiz gesehen. Wenn man die Berufswunschlisten westlicher Mädchen durchsieht, belegen noch immer Berufe wie Frisörin oder Verkäuferin die Top-Plätze. Da haben ladakhische Mädchen schon ambitioniertere Ziele. Meine ladakhischen Nichten (von denen ich durch die Heirat mit meinem ladakhischen Mann sehr viele habe) wollen Ärztinnen, Psychologinnen, Lehrerinnen oder zumindest Hotelmanagerinnen werden. Und dafür legen sie sich ins Zeug.

Auch in punkto Ehemann gehen die meisten Mädchen pragmatisch an die Sache. Die Hals-über-Kopf-Heiraten ohne Einbeziehung der Eltern – wie bei Nyilza Angmo – sind eher selten und rangieren unter ferner liefen. Ein Mann soll nicht vorrangig schön und charmant sein, sondern auch imstande der zukünftigen Familie etwas zu bieten. Und er soll auch ein zustimmendes Kopfnicken bei den Eltern auslösen. Das durchschnittliche Heiratsalter ist innerhalb der letzten dreißig Jahre bestimmt um zehn Jahre nach oben gegangen. Die Prioritäten haben sich verändert – erst Bildung, dann Ehe. Kinder ja, aber wenige.

Oder gar nicht heiraten. Die Zahl der Mädchen, die das spirituelle dem weltlichen Leben vorziehen und Nonnen werden, nimmt wieder leicht zu. Nachdem in Ladakh und Zanskar bis vor einigen Jahrzehnten die Polyandrie (eine Frau heiratet mehrere Brüder) noch sehr häufig praktiziert wurde, blieben etliche junge Frauen auf der Strecke. Die Polyandrie hatte zwar den Vorteil, dass der Aufteilung des ohnehin geringen fruchtbaren Landbesitzes unter den Nachkommen so Einhalt geboten wurde. Gleichzeitig aber waren viele Mädchen dazu gezwungen unverheiratet im Kloster als Nonnen zu leben. Zu jener Zeit aber war man als Nonne kaum mehr als billige Arbeitskraft der hierarchisch höher stehenden Mönche. Das Studium heiliger Texte und Erreichen spiritueller Ziele blieb den männlichen Kollegen vorbehalten. Dank des Engagements einiger besonderer Nonnen und dem Zutun des Dalai Lama hat sich einiges geändert. Viele junge Mädchen wählen nun selbstbewusst die Robe, scheren ihr Haar und studieren mit viel Ehrgeiz, während so mancher Junge eher den Statusgewinn als das spirituelle Studium als Anreiz für ein Leben im Kloster sieht.

Doch auch wenn die Wünsche vieler Mädchen in Ladakh & Zanskar ähnlich sind, so sind ihre Leben und sie selbst genauso vielfältig wie anderswo. Denn Wünsche sind Wünsche und die Realität oft nicht ihr Spiegelbild. Es gibt weniger spannende Lebensgeschichten und große Dramen, mal mit, mal ohne Happy End. Wie die Geschichten von Chondol, Chuskit, Dolkar und Nyilza.

 

You Might Also Like