Macht Bildung die Nomaden Ladakhs arbeitslos?

Bildung scheint das A und O, die Lösung aller Probleme. Wenn nur alle Kinder dieser Erde in die Schule gehen, werden wir alle glücklich und zufrieden sein, es gäbe Weltfrieden und keine Armut mehr. Der Stellenwert der Bildung liegt über fast allem. Keiner traut sich ihn richtig anzuzweifeln. Aber ist eine klassische Schulbildung wirklich für alle und jeden so wichtig, wie man meinen mag? Gibt es neben Lesen – Schreiben – Rechnen auch noch andere Qualitäten, die zählen? Gerade in Bezug auf Ladakh stelle ich mir immer wieder diese Fragen.

Von Daniela Luschin-Wangail

Macht Bildung die Nomaden Ladakhs arbeitslos?

Nomaden siedeln mehrmals pro Jahr. Mit ihren Tieren, ihrem gesamten Hab und Gut und ihren Kindern. Mit den ganz kleinen Kindern allerdings nur, denn sobald sie sechs Jahre alt sind, müssen sie in die Schule. Gut, die Schule kann natürlich nicht mehrmals pro Jahr umsiedeln – obwohl es schon Projekte gab, wo LehrerInnen mit den Nomaden mitgezogen sind, das Projekt aber gescheitert ist, weil sich langfristig keine LehrerInnen dafür gefunden haben. Also müssen die Kinder weg. Weg von ihren Eltern, dem Umfeld in dem sie all das lernen, was einen Nomaden ausmacht: den Auf- und Abbau der Zelte, das Sammeln des Brennmaterials, die Pflege der Tiere, das Melken, das Auskämmen der Pashmina-Ziegen, die Schur der Schafe, das Verarbeiten der Materialien und und und. Alles Dinge, die gelernt sein wollen. Niemand wird mit einem Nomaden-Instinkt geboren.

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Kinder sind neugierig und lernen viel durch beobachten – wenn es denn etwas zu beobachten gibt.

Da sind sie dann, die Mädchen und Burschen von 4 bis 18, sitzen in den Klassenräumen in der größten Nomadenschule Ladakhs in Puga. Lernen Fremdsprachen – Urdu, Tibetisch, Englisch. Fast 200 von ihnen. Weit entfernt von ihren Eltern und Großeltern, die weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, ohne dabei auch ihr Wissen an die Nachfahren weiterzugeben. An den Wochenenden zu den Eltern geht nicht, dazu fehlen die Autos, Busse oder anderen Transportmöglichkeiten. Also bleiben nur die Ferien. Ein paar Wochen im Jahr. In denen dann alles nachgeholt werden soll, was dazwischen verloren gegangen ist. Ein unmögliches Unterfangen.

In der Schule lernen die Kinder Texte aus ihren Schulbüchern in fremden Sprachen auswendig, weil sie sie oft gar nicht richtig verstehen. Bücher in ihrer eigenen Sprache – dem Ladakhi – gibt es erst wenige, die Sprache wird erst verschriftlich. Einige Kinder sind von tibetischen Nomaden, die haben das Glück, dass auch tibetisch unterrichtet wird. Wenigstens etwas, das sie gut verstehen. Sie rechnen auch und lernen im Sachunterricht über Tiger und den Urwald. Ziemlich fremd für ein Kind, das mit Ziegen, Schafen, Yaks, Pferden und Wölfen aufgewachsen ist und eine baumlose Hochebene sein Zuhause nennt.

 

Was kommt nach der 10. Klasse?

Zwischen dem 6. und 14. Lebensjahr herrscht Schulpflicht in Indien. Das Minimum, das in Ladakh alle Eltern für ihre Kinder anstreben ist die 10. Klasse, denn dann können die SchülerInnen das National oder State Board Examen machen und sich für weiterführende Schulen bewerben. Die nächste Hürde ist die 12. Klasse, die zum Besuch eines Colleges berechtigt. Am Ende kommt dann die Uni. Viele Ladakhi – auch Nomadenkinder – gehen nach der 10. Klasse in eine weiterführende Schule nach Chandigarh, Delhi, Jammu oder anderswohin. Einige von ihnen beginnen zu studieren – natürlich auch auswärts – und wieder einige davon bekommen am Ende auch eine wirklich tolle Arbeitsstelle. Andere aber scheitern schon ganz am Anfang, tun sich schwer mit dem Lernen, mit dem Vorwärtskommen. Sie machen weiter, weil es sich die Eltern so wünschen. Es gibt kein Pensionssystem, die Eltern setzen auf ihre Kinder. Alternativen gibt es kaum. Lehren gibt es in Ladakh nicht, und der Dienstleistungs- und Handwerkssektor ist mit auswärtigen Arbeitern besetzt. Tischler, Elektriker, Installateure, Frisöre – fast alle von ihnen sind Nicht-Ladakhi. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit gerade bei Menschen unter 30 Jahren extrem hoch.

Ebenso ist die Landflucht groß, die Jungen wollen in die große Stadt und großes Geld machen. Wollen? Oder bleibt ihnen gar keine andere Chance? Wenn ein Nomadenkind 10 oder mehr Schuljahre hinter sich gebracht hat, sind sie vom Leben als Nomaden oft so entfremdet, dass sie dieses Leben gar nicht mehr führen können. Sie können einfache Arbeiten erledigen, sind aber mit besonderen Aufgaben überfordert, denn dafür fehlt ihnen die Erfahrungen. Komplizierte Handarbeiten haben sie nie gelernt, dazu waren die Ferien zu kurz.

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Die Zukunft der Nomaden sieht düster aus

Was also machen? Sie wandern ab, gehen nach Leh, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs, oft im Tourismus durch. Einige von ihnen schaffen es, studieren, bekommen gute Arbeitsplätze, bauen sich feste Häuser und sind die Gewinner in dem Spiel. Ihre Eltern holen sie nach, die sollen das schwere Leben als Nomade nicht mehr führen müssen. Da sitzen sie dann in ihren Zementburgen und trinken viel zu süßen Milchtee. Im besten Fall. Es gibt aber auch die anderen, die es nicht geschafft haben, die in der Schule nur mittelmäßig oder schlecht abgeschnitten haben, die keine oder keine gut bezahlte Arbeit gefunden haben. Frustriert greifen gerade die jungen Männer dann gerne zur Flasche, den Frust hinuntergespült. Was passiert mit diesen Bildungsverlierern? Man hat ihnen lesen, schreiben und rechnen beigebracht und das ist gut, gleichzeitig aber hat man sie ihrer Fähigkeiten als Nomaden zu leben beraubt und damit einer Möglichkeit seine Zukunft zu gestalten.

Wir entwerten mit dem Hochhalten der Bildung leider auch Lebensmodelle, in denen Chemie, Geschichte und Literatur keine große Rolle spielen. Doch wer behauptet, dass das Melken von Ziegen weniger wertvoll als das Ziehen einer mathematischen Wurzel ist? Das selbe gilt nicht nur für die Nomaden, und auch nicht nur für Ladakh. Nur ist es dort besonders gravierend.

 

Was ist die Lösung?

Mein persönlicher Favorit zur Lösung des Problems, wäre es ja, dass die Kinder der Nomaden zu Hause bei den Eltern in den Basics (Lesen-Schreiben-Rechnen) unterrichtet würden, was allerdings momentan einfach an der Umsetzung scheitert. Dadurch aber wäre es gewährleistet, dass die Kinder nicht völlig entfremdet werden. Ich bin kein Bildungsgegner, ich zweifle nur den Inhalt der Bildung in Ladakh an, der momentan teilweise extrem lebensfern ist. Bildung muss und soll sich an die Lebensumstände der Menschen anpassen und nicht umgekehrt die Menschen an überhebliche Bildungsstandards. Und ganz speziell auf die Nomaden umgelegt, muss Bildung auch ein positives Bild der eigenen Kultur vermitteln, die Geschichte der eigenen Menschen vermittelt werden, deren Litertur, deren Errungenschaften, deren Handwerk, deren Kunst und natürlich auch deren Sprache. Denn Bildung ist mehr als nur A,B,C.

 

Warum ich das schreibe?

Ich schreibe das nicht einfach so. Es hat dazu einen speziellen Anlass gegeben, der mich heute dazu getrieben hat. Von Ulli Felber, der Initiatorin der Hilfe für Ladakh, habe ich erfahren, dass ihr Literatur- und Handwerksprojekt „Nomadentum im West-Himalaya“ Gefahr läuft abgeblasen zu werden, weil sie nicht genügend finanzielle Mittel dafür haben, es wie geplant weiterzuführen. Und ich habe mich geärgert; darüber, dass es einmal ein wirklich tolles und sinnvolles Projekt gibt, es dann aber nicht umgesetzt werden kann, weil ein paar Euro fehlen.

Worum geht es im Literatur- und Handwerksprojekt “Nomadentum im West-Himalaya“

Das Projekt zielt auf oben genannte Problematik ab. Die Kinder der Nomadenschule Puga leben in einem Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Sie fühlen sich von Computer, Internet und Handy angezogen, stehen aber gleichzeitig noch in einer starken Bindung zu ihrer Kultur als Nomaden. Im Rahmen des Projekts versuchen die Kinder mit den LehrerInnen die Vor- und Nachteile beider Lebenswelten zu erörtern und auch Lösungsansätze für den Zwiespalt zu finden. Das wird bereits seit sechs Jahren praktiziert und schon jetzt ist es vielen Kindern ein Anliegen nach ihrer Ausbildung ihre Nomaden-Community unterstützen zu können. Hilfe für Ladakh möchte aber nun einen Schritt weiter gehen und hat sich folgendes Ziel gesetzt: Verwirklichung des Literatur- und Handwerksprojektes „Nomadentum im West-Himalaya“. Um den Wert der eigenen Tradition und Kultur zu erkennen und gleichzeitig das Wissen darüber zu erhalten und zu fördern, sollen eine kleine Bibliothek mit einschlägiger Fachliteratur angelegt sowie ein Handwerkszentrum eingerichtet werden, in dem die Kinder die alte Handwerkskunst der Nomaden erlernen und ausführen können. Der Bau dazu konnte mit Hilfe von Spenden 2016 fertig gestellt werden! In naher Zukunft sollen die Nomadenkinder im Zuge von Schulaustauschprojekten Schülern anderer ladakhischer Regionen diese Kunst lebendig und „auf Augenhöhe“ vermitteln. Auf diese Weise wird nicht nur ihr Selbstbewusstsein, speziell jenes hinsichtlich ihrer nomadischen Wurzeln gestärkt, sondern sie leisten gleichzeitig auch einen wertvollen Beitrag zum Erhalt ihrer einzigartigen Kultur.

Hört sich toll an, oder? Problem: Es fehlen trotz intensiver Spendenaufrufe rund 7.000 EUR für den Erwerb von Einrichtung, Literatur und den Tools zum Start des Zentrums, als auch das erste Jahr Gehalt für die dafür notwendigen LehrerInnen.

Deshalb: Bitte helft mit! Spendet, redet mit Freunden, Verwandten und helft indem ihr diesen Beitrag teilt.

THUG-JE-CHE (=Danke) im Namen der Kinder der Nomaden!

Spendenkonto:

„Hilfe für Ladakh“
BIC: STSPAT2GXXX
IBAN: AT262081500021609813

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