Ladakh & Polyandrie: Was immer alle interessiert

Eine Frau mit mehreren Männern verheiratet? Und dann auch noch Brüder? Wie funktioniert das? Diese Fragen wurden zigmal gestellt, nachdem sich Menschen mit der Tatsache konfrontiert sahen, dass die Polyandrie in Ladakh über Jahrhunderte eine weit verbreitete Eheform war.

von Daniela Luschin-Wangail

Die Polygynie – ein Mann heiratet mehrere Frauen (meist wird diese fälschlich Polygamie genannt, obgleich die Polygamie der geschlechtsneutrale Oberbegriff ist und davon Polygynie und Polyandrie die geschlechtsspezifischen Subformen sind) – dahingegen wirft bei weitem weniger Fragen auf. Wird hingenommen. Ein Mann, viele Frauen – einerseits weiter verbreitet und andererseits kommt diese Eheform der männlichen Natur wohl etwas näher.

In Ladakh gab es immer alle Formen der Ehe. Man war und ist praktisch veranlagt, was das Leben in der kargen Hochgebirgswüste einem einfach abverlangt. Monogam, polygam – die Eltern entschieden damals und vielfach auch noch heute, was für den Sohn/die Tochter und auch die Familie im Ganzen von Nutzen ist. Vor dem Individuum steht immer die Gemeinschaft – das ist auch heute in Ladakh noch eine essentielle Werthaltung. Es ging insbesondere in der Vergangenheit  in jeder Entscheidung immer auch darum, die Familie und den Familienbesitz zu erhalten, um auch weiterhin genügend Erträge zur Lebenssicherung zu gewinnen.

Wenige Hochzeiten = mehr Land

In einer Gesellschaft in der fruchtbares Land extrem rar ist und jeder Ernteertrag der Erde nur mit höchstem Aufwand abgerungen wird, ist es unbedingt notwendig mit den Ressourcen nachhaltig umzugehen. Folglich war es ein logischer Schritt auch in Bezug auf die Weitergabe von Land bzw. die Erbfolge sparsam zu agieren. Das Land wurde in den meisten Fällen dem ältesten Sohn (in manchen Fällen auch der Tochter) übergeben, die jüngeren gingen meist leer aus. Daher war es nur sinnvoll so etwas wie eine polyandrische Form des Zusammenlebens zu entwickeln, bei der mehrere Brüder mit einer Frau verheiratet wurden. Alle Brüder waren versorgt. Gleichzeitig gebar eine Frau mit drei Männern weniger Nachwuchs, als drei Frauen mit drei Männern. Durchaus ein weiterer Vorteil, wenn es um Ressourcenknappheit geht. Das Land wurde nicht geteilt. Alle waren glücklich. Waren sie es?

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Fruchtbares Land ist knapp

Ganz so glücklich werden sie vielleicht nicht immer gewesen sein. Doch war es damals wie oft auch heute noch nicht vorrangiges Ziel durch eine Verheiratung die Glückseligkeit zu erlangen. Die Ehe war eine Verbindung mit vorwiegend praktischen ökonomischen Zielsetzungen. Die Romantik oder Liebe spielt bis heute in den arrangierten Ehen eine untergeordnete Rolle.

Eifersucht und Vaterrolle

Immer wieder wird gefragt, ob es in derartigen Beziehungen nicht zu vielen Eifersuchtsszenen kam. Wird es wohl gegeben haben. Doch nehme ich eher an, dass in Ehen, die arrangiert geschlossen werden, nicht nur die Romantik sondern auch die Eifersucht nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Der älteste Bruder war der „Hauptmann“, ihm wurden auch alle aus der Ehe entstandenen Kinder zugeordnet, egal ob er auch wirklich der biologische Vater der Nachkommenschaft war. Die jüngeren Brüder waren auch nicht immer am Hof anwesend, wurden gerne geschickt, um diese oder jene Aufgaben zu erledigen – gingen bspw. auf Karawanen mit, um ein Zubrot zu verdienen, waren als Hirten unterwegs oder handelten mit Waren.

Eine Sache aber dürfte schlauen DenkerInnen inzwischen aufgefallen sein: Was war denn mit den ganzen Frauen, die dadurch unverheiratet auf der Strecke blieben? Logischerweise ergab sich durch diese Praxis eine beachtliche Anzahl unverheirateter Frauen. Viele gingen als Nonnen ins Kloster, andere blieben einfach als unbezahlte Arbeitskraft am Hof.

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Unverheiratete Frauen gingen oft als Nonnen ins Kloster

… und dann kam das Polyandrie-Verbot

Was anno dazumal so sinnvoll und schlau war, wird heute kaum noch praktiziert. Das hat mehrere Gründe:

  • Die Landwirtschaft spielt heute eine wesentlich geringere Rolle als noch damals. Inzwischen haben viele Ladakhi andere Einkommensmöglichkeiten und Indien importiert Lebensmittel, die subventioniert oft billiger sind als die lokal produzierten Nahrungsmittel.
  • Damit steht auch der Landteilung unter den Kindern nicht mehr so viel im Weg wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ein paar hundert Quadratmeter reichen, darauf ein Häuschen und ein kleiner Garten mit Gemüse für den Eigenbedarf. Das ist für die meisten genug.
  • Seit dem Anschluss Ladakhs an Indien (1947) ist die Polyandrie offiziell verboten. Den Indern gefiel diese Praxis nicht und fanden sie moralisch verwerflich. Dennoch wurde sie noch Jahrzehnte nach dem Verbot praktiziert, weil es offiziell im Falle von Eheschließungen auch nur selten Dokumente gibt und es nach aussen hin auch nicht so leicht ersichtlich war, in welchen Haushalten es tatsächliche mehrere Brüder gab, die mit ein und derselben Frau verheiratet waren.
  • Auch haben jüngere Ladakhis ganz andere Wünsche in Bezug auf die Ehe. Man will auch ein bißchen Romantik haben – so wie in den Bollywood-(und auch Hollywood-)Filmen, wo die Liebe über allem steht.

 

 

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